Autorin: Giovanna Ferrara, publiziert bei Il Manifesto  

Die zehn Jahre nach der Revolution von 1917, waren die Erforschung eines gemeinsamen Traums, aber auch die Bitternis einer Realität, die dem Projekt nicht gerecht wurde. Sie waren Geschichte einer Meinungsverschiedenheit innerhalb der bolschewistischen Fraktion, die zur Zeit des Exils von 1905 entstand und nach der Einnahme des Winterpalastes in der Gruppe Proletkult verkörpert wurde. Das Kollektiv Wu Ming hat dieser Gruppe einen wichtigen Roman gewidmet (Proletkult, Einaudi, S. 333, 18,50 Euro).

Der Streit. Um die Bedeutung des Revolution-Events stritten sich Lenin und Богданов. Gemeinsam gingen sie die ersten Schritte,  die Raubüberfälle um die Exilanten zu finanzieren, um den Motor des Aufstands am Laufen zu halten, und sie verfassten zusammen Schriften auf einer finnischen да́ча. Sie lebten zusammen und trennten sich dann. Lenin war nicht einverstanden mit Bogdanovs Überlegungen in dessen Empiriomonismus, der vor dem Ereignis das Bewusstsein von einem Ereignis konstruiert, welches das Siegel einer universellen Organisation der Wissenschaft, der Tektonik, trägt: ein Prozess der Organisation des Gegebenen, welche das kollektive Subjekt aus dem Chaos in die Süße der Harmonie implantiert. Der Konflikt, der nicht zu beseitigen war, folgte ebenfalls der gleichen Entwicklung. Bogdanov sah ihn im Axiom beschrieben, das Rosa Luxemburg prägte; „Der Marxismus muss immer für neue Wahrheiten kämpfen.

Vor 1917 war Bogdanov auf Capri Gast des Schriftstellers Gorkij, wo er auch den späteren Bildungsminister Lunacarskij traf. Von den vielen Steilküsten, die von leuchtend blauen Wellen umspült wurden, hatten sie Sicht auf eine Vielzahl von Fischschwärmen und auf eine unvergleichliche Welt der Schönheit. Sie gründeten die erste Arbeiterschule, an der sich auch der Mechanik-Philosoph Voloch beteiligte, der im Roman (Proletkult)  Bogdanov zum Schreiben des utopischen Romans „Der Rote Stern, anregte.

Ihr Denken.Es befasste sich nicht allein mit dem Entwurf einer proletarischen Kultur, sondern ging weit darüber hinaus. Entsprechend dem Gedanken Nietzsches einer Umwertung aller Werte, konstruierten sie Gott aus der Kraft des Kollektivs. Sie sprachen darüber auch noch nach Lenins Exkommunikation, der mit diesem „genialen Opportunismus“ den inneren Dissens ausräumte: Es war nur der Idealismus, im Gegensatz zum marxistischen Materialismus und aus diesem Grund ein Hindernis für die Kette der Ereignisse, die sie in das Herz der Revolution führen sollte. Lenin wusste, was zu tun war, und die Frage danach war nur Fiktion: Die objektive Wahrheit wird nicht gemeinsam erdacht, sie ist wie ein gedeckter Tisch, an den man sich setzen muss. Dies jedoch nicht, um ein Galadiner zu zelebrieren, sondern zum Umsturz der Kräfteverhältnisse und zur Aneignung des Tisches selbst. Aber warum wurden sie, als die Revolution da war zur „Parteien-Armee“ mit einer autoritären Führungsschicht?

Es war Alexandra Kollontaj, die in ihrem Buch an die Beharrlichkeit im scharfen Kampf der Gegensätze erinnert, die auf die Ratlosigkeit eines Bogdanovs reagierte, der inzwischen nur noch Wissenschaftler war: „Auch wenn dieses unvollkommene Ereignis nicht das Ergebnis war, das wir erwartet hatten, nun, es muss verteidigt werden“.

Der Rote Stern. Als dort Denni ankommt, trifft er auf seinen Vater. der ihm davon erzählt wie sein Traum in die Praxis umgesetzt wurde. Der Kampf mit der Umwelt wurde interplanetarisch geführt: keine Grenzen, weder terrestrische noch stellare. „Mama“ und „Papa“ waren nichts anderes als Beiworte, da man ab dem dritten Lebensjahr gemeinsam lebte. Denn die Sprache legt die Grundgedanken fest, so auch „wenn man vom Leben als einer Sache spricht, die nicht respektiert werden muss“. Keine Chefs, keine Hierarchien.

Die Arbeiter leiteten sich selbst, um mehr Zeit und weniger Spezialisierung zu erzielen. Proletkult, die Projektion des „Marsmarxismus“ auf die Erde, endete mit Bogdanov, der, indem er seinen Kommunitarismus auf die Wissenschaft anwandte, mit einer waghalsigen Kreuzung von Transfusionen experimentierte, in der Überzeugung, dass das Blut der Menschen vermischt werden sollte, um ein großes wir zu schaffen, das sogar über den Tod siegreich ist.

Wu Mings Schrift füllt die Geschichte mit geheimen Gedanken darüber, wie man aus der Isolation herauskommt, ohne mit seinen eigenen Orthodoxien kompromittiert zu werden und wie man nicht in der Krankheit des Reduktionismus verweilt. Eine Dialektik, die immer wieder aus der Erfahrung derjenigen hervorgeht, die träumen, dass der sozialistische Planet genau diese Welt ist. Und da die Versuchung der Herrschaft immer wieder in den Köpfen der Menschen auftaucht, müssen wir vielleicht wirklich verstehen, dass „eine Revolution nicht genug ist, sie braucht hunderte“.

übersetzt von FHecker

   

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