Chronik einer Blockade des Mont Blanc Tunnels, am 24. November 2018

 

„Les Gilets jaunes, heißt für mich, dass da auf einmal, auf die geschaut wird, die unten stehen!“

Samstag, 24. November 2018. Noch mitten am Morgen. Zum ersten Mal sehen wir die „Gilets Jaunes“. Sie stehen am Anfang des Viadukts, das in Richtung Chamonix zum Mont Blanc Tunnel hinaufschlängelt. Wir haben das Gilet in den Rucksack gepackt und wollen erfahren, was die Träger der Bewegung uns zu sagen haben. Die ist im Begriff, die französischen Institutionen aus dem Gleichgewicht zu werfen und die These zu verwerfen, dass die Kluft zwischen Eliten und Bevölkerung durch Macron überbrückt werden könnte. 

Wir haben deshalb diese kleine Reportage verfasst, in der wir versuchen  Dutzende Interviews, die wir an der Sperre gemacht haben zusammen zu fassen, nebst unserer Eindrücke und Gedanken zur Bewegung.

Die Entstehung der Gilets Jaunes ist auf eine Online-Petition von Priscilla Ludosky zurückzuführen. Darin setzte sich die junge Frau martinikanischer Herkunft aus Savigny-le-Temple, dem zweiten Pariser Gürtel, für eine Senkung der Treibstoffpreise ein. Im Fokus des Protests steht ihre Erhöhung sowie die Angleichung von Diesel- und Benzinpreis, die eben erst durch die französische Regierung beschlossen wurden. Die begründete dies damit, dass sie somit die Energiewende, weg von den Brennstoffen begünstigen wolle. Ausgehend von der Petition der Verkäuferin von Kosmetika wurden Hunderte von Facebook-Gruppen, gegen den Anstieg des Kraftstoffpreises und seiner gravierenden Auswirkungen auf die Lebenslage vieler prekärer Familien, gegründet.  

Dank der sozialen Gruppen wurden Tausende von Straßensperren organisiert, um die Rücknahme der Preiserhöhungen zu fordern, um gegen gestiegene Lebenshaltungskosten zu protestieren und den Rücktritt von Präsident Macron zu fordern. Weit verstreut haben sich die sozialen Gruppen und dann auch die Blockaden hauptsächlich auf die Randgebiete konzentriert. Sie zeichneten so eine Geografie der Krise, in der die Brandherde in den Gebieten vorkommen, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln schlecht verbunden sind. Dort ist die Nutzung des Autos fast unerlässlich und wo Diesel bisher als eine Investition galt, um nicht einen immer kläglicher werdenden Lohn durch die Fahrtkosten auffressen zu lassen.

11:35

Nachdem wir den Tunnel in Richtung Frankreich durchqueren, fällt uns der ruhige Verkehr auf der anderen Seite der Fahrbahn ins Auge. Vielleicht gibt es keine Blockade? Die Informationen sind rar, viele Facebook-Gruppen wurden nach den Protesten vom vergangenen Samstag (17.11.18) gestrichen, als fast dreihunderttausend Menschen über zweitausend Blöcke inszenierten, die Frankreich völlig lähmten. Doch in Passy, einem Dorf mit zehntausend Einwohnern an den Hängen des Mont Blanc angekommen, sehen wir zuerst eine lange Reihe von Lastwagen, dann die Blockade. Von oben ist der Blick beeindruckend. Ein paar Autos fahren stotternd in Richtung Tunnel, während Dutzende von Lastwagen kilometerweit zusammengeklebt sind. Sie stehen auch auf dem angrenzenden Parkplatz, wo wir nach dem Wenden parken. Wir ziehen unsere Westen an und gehen auf der Autobahn neben den stillstehenden Autos spazieren, bis wir auf eine erste Demonstrantin treffen. Es ist eine Dame in den Sechzigern, hyperoxygeniertes Haar und rotes Lippenfeuer, die sich sofort bei uns entschuldigt und uns bittet, auf ihr Signal zu warten, weil sie noch beschäftigt ist, die Signalkegel zu versetzen und einen zwischen den Lastwagen gefangenen Bus zu befreien.

°Die erste Stelle der Blockade°
°Ist das Volk vereint, wird es niemals besiegt werden“

Hier, an der Blockade, ist die Aufgabe, nach dem Motto freier Personenverkehr aber Stillstand für den Warenverkehr, zu entscheiden, wer durchgelassen wird. Das erfahren wir aber erst später. Zuerst ahnen wir, welche wichtige Aufgabe das Gilet hat.

Noch vor dem symbolischen Charakter hat es die ganz praktische Funktion, Gemeinsamkeit unter den Blockadeaktiven herzustellen, die uns so gekleidet auch sofort rekrutieren. Das ganze geschieht einige hundert Meter von der Sechzigjährigen weiter. Und graduell werden wir an die Aufgaben herangeführt. Da sind Leute, die Flugblätter verteilen, und andere verhandeln mit den Autofahrern, sodass wir nicht an den Punkt der Sperre herankommen. Sie liegt dort, wo die schmale Provinzstraße von Passy auf die Basis des Viadukts von Egratz trifft, und von wo aus die Autobahn in Richtung des Mont Blanc Tunnels verläuft. Es gibt hier auch Zeltrestauration mit Essen und Kaffee, und am Kopf der Schlange stillgelegter Lastwagen ein kleines Gymkhana aus Kegeln, wo die Autos ihre Maut bezahlen. Die wird mit einem kräftigen Hupen aus Solidarität bezahlt, und von der Menge, an beiden Seiten der Strecke, jedes Mal mit Schreien und Applaus quittiert wird.

°Das Restaurationszelt: Essen und Getränke haben einige Supermärkte vor Ort gespendet°

 

° Die Blockade am Anfang des Viadukts Egratz°

Dank der Blockade  wurden wir unmittelbar auf einen Widerspruch aufmerksam gemacht, der latent in diesem Alpental am Wirken ist und sich eben genau an diesem Punkt der Blockade verdichtet. In diesem Zusammentreffen der Schnelltrasse und ihrem Warenverkehr, die Frankreich und Italien verbindet,  mit der Provinzstraße aus Passy und seinen Einwohnern, stellt sich gleichzeitig eine leidende und trotzdem sehr reiche Region vor, der das Primat anhaftet, das am meisten verschmutzte Tal Frankreichs zu sein, was auch von der neben dem Viadukt liegenden Industriezone bestätigt wird. Dieser Punkt der Blockade ist wie eine Miniatur der tiefgreifenden kapitalistischen Restrukturierung, die dieses Territorium in den siebziger bis neunziger Jahre gebeutelt hat. So wurde beispielsweise der Bestand der Arbeitskräfte, in der am Fuß des Viadukts liegenden Chemiefabrik von Pechney von 1000 auf 200 Arbeiter*innen reduziert. Die Fabrik war ein Fels der Arbeiterschaft, der Stein um Stein abgetragen wurde. Das Schicksal dieses Unternehmens hat die „produktive Evolution“ in Hochsavoyen geteilt. 

Chedde - Péchiney factory.jpg
Photo taken by Christophe Jacquet on 9 August 2001., CC BY-SA 2.5, Link

Vor Zeiten wurde hier Kaliumchlorat (Schwefelsäure) hergestellt, später dann, während des ersten Weltkrieges, Sprengstoffe (die sogenannten Cheddite, benannt nach dem Vorort Ched im Norden von Passy), dann kam die Aluminiumproduktion und heute die Verarbeitung von Grafit. Die „Fabrikstadt Ched“ (Chedde) wurde über die letzten Jahrzehnte in tausend Stücke zerlegt und im Umland Chamonix, der Stadt des Wintersports, haben sich neue Arbeiter*innen niedergelassen. Sie können dort arbeiten aber nicht leben und auch nicht Skifahren. 

In diesem Kontext ist Benzin die Voraussetzung der Arbeit. Im Unterschied zur paternalistischen Epoche des Unternehmers, der die Arbeiter*innen mit Holz für die winterliche Wärme versorgte, geht die Notwendigkeit der Beschaffung von Energie, nun in den Kosten, ganz zu ihren Lasten.

°Ein Plakat, das an Chantal Mazet erinnert, die während einer Blockade am 17. November 2018 ums Leben kam°

Wir sind hier, wegen der Erhöhung der Treibstoffpreise – das ist die einfache Erklärung, man muss etwas tiefer graben. Man hat die Ausgaben für Bildung gekürzt, wir haben immer weniger Mittel für unsere Kinder und schaffen es einfach nicht mehr. Am Ende des Monats sind wir gezwungen vom Überziehungskredit zu leben, müssen viele Dinge entbehren, das ungedeckte Konto ist mittlerweile üblich. Wir kratzen am Boden des Fasses und wissen nicht einmal warum. Man nimmt uns immer mehr weg und man weiß nicht, was davon zurückkommt. Hier am Krankenhaus gibt es nicht einmal einen Neurologen und man ist gezwungen hundert Kilometer zu fahren, um einen Facharzt aufzusuchen.“ Valerie erzählt, „Ich bin hier wegen der Gesundheit, der Bildung und der Zukunft meiner Kinder„. Sie lebt getrennt, hat ein Ohrenleiden, zwei Kinder, die sie als Wäscherin für die Hotels ernähren muss. Valerie stellt die Verbindung zwischen der Hauptstreitmacht und und dem Anfang der Blockade her. Dort wird sie vom Cousin angerufen, der mitteilt, dass die Polizei nervös sei und den Straßenverkehr wieder herstellen wolle. „Es gibt auch Leute, für die die Blockade ein Wochenenderlebnis bedeutet. Da kann man nichts machen. Alles ist superteuer, ein Tag auf Skiern sind 200 Euro. Also was macht man da, wenn man gerade in der Nähe ist?“ Etwas weiter weg, steht Georges am Geländer angelehnt und erzählt uns von der gewaltsamen Räumung am vergangenen Samstag, „Die CRS 1 haben beschlossen die Autobahn mit Schlagstöcken und Gaspatronen zu räumen, gerade als die Kinder und Alten ankamen.“ Er hat auch schon einiges an Jahren auf dem Buckel und ist kampferprobter Rentner. Er erzählt uns, dass das Blockieren der Lastwagen auch in den vergangenen Jahren immer mal wieder während der Demonstrationen gegen die Umweltverschmutzung in der Region erfolgte. Paradoxerweise kommt das Erbe der glorreichen industriellen Vergangenheit von Passy hinzu, das die Verunreinigung der Grundwasserschichten, durch die Produktivität eines Jahrzehnts in der Pechineyfabrik, als ihre Hinterlassenschaft ausweist. Über Jahre wurden Abfälle, darunter das äußerst gefährliche Ammoniumperchlorat, ganz einfach in die Arve geschüttet, um somit auch das Grundwasser bis Genf zu verunreinigen. Und heute liegt neben der Fabrik und der Müllhalde eine Verbrennungsanlage, die ständig ihre dichten Rauchschwaden absetzt, die vom Block der Gilets Jaunes aus deutlich zu sehen sind.    

°Demonstration 2016 gegen die Umweltverschmutzung°

Für gewöhnlich gehe ich nicht zu Demonstrationen, weil dort die politischen Parteien sind. Was mir hier gefällt, dass hier das Volk spricht und uns nicht dazwischen redet, wenn wir unsern Zorn loswerden. Hier sind keine Gewerkschaften und keine Funktionäre. Das bedeutet, dass niemand da ist, um einige Brosamen zu verteilen, damit die Bewegung erstickt. Wir haben das Problem mit den Steuern, mit dem Benzin und hier vor allem das der Verschmutzung.“ Das sagt uns Bernard. Er ist um die Vierzig und arbeitet als Metallmechaniker für Mindestlohn. Seine Tochter ist vierzehn und er sagt uns, dass er darauf bestand, dass sie heute mitkommt, „um ihr die Realität zu zeigen, die weder schön noch leicht ist.“ Als wir ihn nach Macron fragen, antwortet er uns, dass er nur ein Reicher ist, der nicht versteht, wie es in der Welt zugeht, und dass er niemanden repräsentiert: „Ich habe ihn nie gewählt.“ Offensichtlich haben die Appelle, die Republik vor Marine Le Pen zu retten, Macron im zweiten Wahlgang nichts genützt. Zur Kritik an den Gilets, dass sie die Umwelt nicht respektieren, hat Bernard klare Positionen. „Der Staat hat seine Analysen gemacht und sagt uns, dass die Luft ok sei. Es gibt aber Kollektive, die sich aus dem Grund organisierten, unabhängige Analysen zu machen. Die sagen genau das Gegenteil. Wenn wir Pilze sammeln gehen, sind Schwermetalle drin. Es ist katastrophal. Der Staat will davon nichts hören. Im Gegenteil behauptet er, das wir die Umweltverschmutzer wären. Verschmutzen tut eben immer nur das Volk, aber nicht die Laster und auch nicht die Fabriken. Diese Dinge will man nicht anrühren. Der Staat pfeift auf die Verschmutzung der Umwelt, er will Geld sehen. So machen sie eine bestrafende Ökologie. Ökologie von heute heißt, auf die Leute einzuschlagen.

Es gibt zwei Täler, die übereinander liegen. Oben befinden sich die reichen Skigebiete mit ihren ebenso reichen Skifahrern. Größtenteils kommen sie aus der Schweiz, dem Inselkönigreich und aus Deutschland. Sie treiben die Preise der Läden in die Höhe und die Mietkosten. Für die, die oben sind, ist die Luft immer sauber. Aber wenn die Sonne die Atmosphäre anheizt, sammelt sich unten der Feinstaub und lässt sie, die unten leben müssen, Gift einatmen und die Rechnung bezahlen, bei einem geschrumpften Gehalt in einem teuren Leben.

°Politiker ins Gefängnis°

13:45

Am Sammelpunkt laufen via Smartphone die ersten Bilder vom Sturm der Gilets Jaunes auf die Champs Elysée ein und die Gemüter erhitzen sich: „Paris ist gut, das brauchen wir, ein schönes 68!“ (das ist nicht die einzige Erwähnung des französischen Mai, die unsere Gesprächspartner im Interview machen). 

Am Schimpfen ist ein 32 jähriger Arbeiter aus der Fabrik in Pecheney. Es ist Daniel, mit zwei Kindern, getrennt lebender Vater, der uns erzählt, dass es ihm nicht mehr gelingt, über die Runden zu kommen. „Um einen anderen Job zu bekommen, ist ein Auto nötig. Wir sind hier nicht in Paris, wo es öffentliche Verkehrsmittel gibt.“ Vor der Blockade war er bisher nur auf einer Demonstration gegen Jean Marie Le Pen. Für ihn ist das Problem Regierung wichtiger als das der Steuern. „Wir gehen ja sicherlich nicht nach Hause wegen 20 Cents weniger, die wir an der Zapfsäule eingespart haben. Es geht um Macron, den man stürzen muss. Das ist einer, der „avec une cuillère d’argent dans la bouche“2 geboren wurde„, sagt er unter Zustimmung seiner Freunde. Sie sind plötzlich verärgert, weil sich ein „Infiltrant… ein Padron, der sich zur Schau stellen will„, einmischt. Es scheint der Besitzer einiger großen Kleidergeschäfte zu sein, der sich anschickte bei der Polizei zu vermitteln, damit die Blockade nur partiell stattfinde, mit einer Durchfahrt von 8 TIR alle 15 Minuten. 

Daniel sagt, dass alles auf Facebook anfing, „wie der arabische Frühling und deshalb zensieren sie auch“ und er ist stinkwütend wie sich die CRS vergangenen Samstag benommen haben. Der sonst traditionelle Gebrauch des Internets veränderte sich durch die Mobilisierung. Der erste Termin für die Blockade zirkulierte über eine lokale Whatsapp-Gruppe für den Verkauf gebrauchter Gegenstände, d.h. mehrheitlich Leute mit beschränktem familiären Budget. Von der Blockade wurden auch sehr viele Facebooklive ins Netz gestellt, Videos mit dem Smartphone, die das Ziel verfolgten, sich zu versichern, ob die notwendigen Informationen über den Kampf, ohne Vermittlung Dritter, zirkulierten. Man braucht dazu nicht die Lokalzeitungen, das Problem stellte sich nicht einmal beim Polizeieinsatz von letzter Woche, von dem das diesbezügliche Video mehr als 1 Million Abrufe hatte. Der Einfluss der erworbenen Kompetenzen im populären Gebrauch des Internet, ist nicht zu unterschätzen. Dadurch werden Kodizes, partielle audiovisive Anwendungen und virtuelle Orte der Begegnung gemeinsam genutzt. Und um dieses Gerüst wird die Organisation des Kampfes der Gilets Jaunes errichtet. Sie scheint zu funktionieren als eine unsichtbare Koordination von Aktivitäten, Diskussionen und Zielen. Bis jetzt haben wir keine Person getroffen, die sich aufgemacht hätte, die anderen Blockaden, die kilometerweit weg vom Viadukt liegen, zu besuchen. 

°Daniel überträgt mit einem Selfistick Bilder von der Blockade auf seine Facebookpage°

Wir fragen Daniel, wer so alles an der Aktion teilnimmt und er antwortet: „Hier findet man alles, aber alle sind wir Leute, die arbeiten oder Arbeit suchen.“ Bei dem, was er sagt aber auch bei anderen, fällt uns auf, dass sie das  Problem Steuer, der Benzinpreiserhöhung, aber nicht nur die, als Angelegenheiten sehen, die direkt ihren Lohn betreffen. Es sind Kosten der Reproduktion, die den „arbeitenden oder arbeitssuchenden Leuten“ aufgeladen werden und die es zu verringern gilt („Ich weiß, dass ich Scheiße gebaut habe, zwei Kinder, zwei Scheidungen und ich habe Alimente zu zahlen„). Die Welt teilt sich in die, die es schaffen, zu bezahlen und die es nicht schaffen. Als wir ihn und seinen Freund nebenan fragen, warum sie nicht streiken, antworten sie unisono „weil wir nicht können„. Die Blockade jedoch ist direkt erreichbar. Wer Zeit hat, löst innerhalb der Woche ab (andere machen krank, sicherlich eine Option, die in heutigen Zeiten weniger riskant ist als ein Streik). Aber am Wochenende erscheinen zur Blockade mehrere hundert Leute.Von der Chemiefabrik sind es allein ca. fünfzig, die sich bei der Blockade abwechseln. Gilet oder Blaumann? Manche tragen auf ihren Westen das Logo der Firma, in der sie arbeiten. Da sind einige mit Rent a Car, andere mit den Warnwesten des Tunnels am Mont Blanc, andere tragen die Westen der Parkhäuser. Und dann wird ihr Gilet mit eigenen Slogans oder Sätzen verziert.

°Für meine zukünftigen Kinder, für meine Rente, für die meiner Eltern und Großeltern°
°Auf dem Gilet: Macron auch du wirst alt, wer wird dich pflegen?°

Nach einigen Minuten wird die Situation hektisch. Ein etwa fünfzigjähriger Mann beginnt zu reden: „Was wir tun, nützt niemanden. Im Elisèe lachen sie sich halb tot. Ich sage euch: Kein Lastwagen darf mehr passieren„. Mit einem anderen Arm in Arm, stellen sie sich vor den Laster, der darauf wartet, loszufahren. Sie werden von Dutzenden Kumpanen unterstützt. Ein Signalkegel dient als Megafon, um die Marseillaise und den Slogan en vogue anzustimmen: „Macron si t’es pas con, présente, présente ta demission. [Macron sei nicht dumm, verkünde deine Demission.]„. 

°Das Megafon der Gilets Jaunes°

Die Gendarmen, die an der Seite und zwischen den Demonstranten ständig präsent sind, versuchen Druck auf die ersten Linien auszuüben, sie versuchen sie zu veranlassen, zumindest acht Laster passieren zu lassen. Es herrscht Unsicherheit, Einige machen sich davon und man ist kurz davor nachzugeben, als eine etwa dreißigjährige Frau (wir lernen sie später als Debora, die in einem Kleidergeschäft arbeitet, kennen) dem Kommissar laut ins Gesicht schreit: „Wir haben noch kein Weihnachten, um euch Geschenke zu machen. Die Lastwagen bleiben hier!“ Ganz vorn in der langen Schlange versucht ein Fernfahrer mit seinem Gefährt, blaues bulgarisches Kennzeichen, hupend anzufahren, was die Gemüter erhitzt. Ein junger Fernfahrer, der die Blockade unterstützt, legt den Finger auf die Wunde der Dumping Löhne und er sagt, dass er das auch deshalb tut, weil hier viele Fahrer aus dem Osten stehen, deren Löhne äußerst mager sind.                 

Die Polizei versucht nun den Weg frei zu machen und versucht die Demonstranten wegzudrängen. Die vorherigen Gesprächspartner sind auch dabei. Sie haben sich mittlerweile mit Skimasken und limonengetränkten Halstüchern gewappnet, denn sie haben noch gut in Erinnerung, was vorige Woche geschah. Die Leute wehren sich gegen das Herumgeschubse. Die Gendarmen holen keine Knüppel heraus und werden so zwischen den Lastwagen eingezwängt. Es dauert einige Zeit, dann verziehen sie sich begleitet vom Applaus der Gilets und dem SloganLes Gendarmes avec nous!„. Die Haltung zur Polizei ist ambivalent. Mit den Gendarmen vor Ort wird frei diskutiert. Mit den CRSvon draußen“ geht man feindselig um. Die Leute sind hin- und hergerissen zwischen Anprangern der erlittenen Ungerechtigkeiten und dem Wunsch, dass die Polizei „die Seite des Volkes“ bezieht. 

°Die Gendarmen machen sich bereit, den Weg frei zu machen°

Wir sprechen Debora an, die so giftig der Polizei erwiderte und sie sagt: „Es ist zu merken, dass Frankreich zur Diktatur geworden ist. Wenn man sieht, wie die CRS Gaspatronen auf die Gilets Jaunes abschießen.“ Die Demo ist das erste Mal in ihrem Leben und sie will solange mitmachen, wie es notwendig ist. „Ich kämpfe für meine zwei Kinder, du wirst mit der Zeit wie ein Stoßdämpfer, du bekommst einen Schlag nach dem anderen, sodass schließlich der Mechanismus versagt.“ Mittlerweile demontieren einige Gilets die Planken, welche die Autobahn von der Provinzstraße von Passy trennen. Sie erleichtern somit den Bau einer großen Barrikade aus Paletten.  Das Holz wird, wie es kommt aufgeschichtet und auf die Fahrbahn werden Fässer mit Feuer gestellt, um sich aufzuwärmen.

16:04

Der Verkehr nach Italien ist seit Stunden völlig lahmgelegt. Ein Jugendlicher in Arbeitskleidung unter der Warnweste, meint, dass sie sich für die Blockade an dieser Stelle entschlossen haben, „weil das ein strategischer Punkt ist, wo der Staat bei jedem Lastwagen, der nicht fährt, 300 Euro verliert.“ Den Feind am Geldbeutel treffen, ist eine Diskussion, die von Mund zu Mund geht („Schließlich zählt nur das Geld!„). Man erzählt uns von einer Blockade, die ganze letzte Woche eine Agentur für Geldeintreibung lahm legte. Dort wurden zahlreiche Blitzer sabotiert, um die Einnahmen aus Geldbußen zu reduzieren. 

°Der Zugang zum Tunnel ist nun vollständig blockiert°

Jugendliche sehen wir kaum. Es gibt einige denkwürdige Szenen, wie die eines vermummten Jugendlichen, der seine Mutter, die nach Hause gehen wollte bekniet, ihn erst später abzuholen oder von den drei Freunden, die Selfies mit dem Gilet Jaune Spongebob machen. Ein Gymnasiast sagt uns, dass er von seiner Schule kaum jemand sieht, jedoch wären mehr Schüler von den technischen- und Berufsschulen dabei und „und eine meiner Lehrerinnen gab mir Maalox gegen die Gaspatronen.“ Ein anderer Schüler, den wir treffen, ist Mitglied bei Lutte Ouvriere, „Ich bin der einzige Aktivist aus der Gegend.“ Er sagt, dass am ersten Tag ein Genosse mit den Zeitungen der Partei erschienen ist, aber von den anderen Gilets aufgefordert wurde, die Zeitungen mit Hammer und Sichel wegzupacken. Jetzt sei er hier, die Bewegung zu unterstützen, „denn von hier geht die Emanzipation der Arbeiterklasse aus.“ Er sagt, dass man hier nur die Marseillaise hört und hoffe, dass bei der Blockade bald auch die Internationale gesungen wird.

°Gilets Jaunes Spongebob; auf dem Plakat: Schluß mit der Steuerhinterziehung, Geld für die Schulen°

Die Verweigerung jeglicher parteipolitischer und gewerkschaftlicher Teilnahme, der Wille, keine Anführer zu haben ist eine Konstante in allen Diskussionen. Es ist, als hätte man die Zeit ausgelöscht und mit der Blockade beginnt das Jahr Zero. „Hier sind keine Parteien, es ist das Volk, das sich äußert.“ Das bemerkt Andrea, Lehrerin mit Skihelm, die aber verlegen gesteht Sympathisantin von France insoumise, der Partei von Melenchon, zu sein. „Hier hab‘ ich das jedoch nie gesagt, es ist Sensibilität notwendig, die  Aktivisten stehen hier allein auf ihrem Posten.“ Wir fragen sie, ob sie eine Kontinuität oder Ähnlichkeit mit der Bewegung gegen das Arbeitsgesetz sieht und sie antwortet, dass die Leute hier komplett verschieden sind. Sie spricht von Diskussionen in ökologischen Zusammenhängen des lokalen Aktionismus (sie beteiligt sich an einer ökologischen ONG), wo man sich nicht der Bewegung anschließen will. Sie hat sich deswegen mit Kolleginnen an der Schule gestritten, nur eine beteiligt sich noch an der Blockade. Sie verstehen absolut nicht, warum wir hier sind. Für die anderen handelt es sich hier um einen rückständigen Protest, weil, wie sie sagen, die Leute nur an ihren eigenen Geldbeutel denken. Aber das sind Leute die über all dem stehen. Ich habe den Eindruck, dass es eine tiefe Fraktur zwischen der denkenden Elite und den Leuten von hier gibt; sie verstehen sich nicht und sie reden nicht miteinander„, schließt sie.

 

18:23

Wir fragen Debora, was für sie die Gilets Jaunes bedeuten. In ihren Worten ist es die Sichtbarkeit, die dieses gelbe Accessoire erlaubt. Mittlerweile obligatorisch in jedem Auto, schafft es politische Sichtbarkeit und markiert eine Differenz. Und sie erklärt uns weiter: „Wir erkennen uns gegenseitig und sehen wenigstens, wer zu uns gehört.“ Sie unterstreicht die Bedeutung der Mundpropaganda und dass sie die Leute in der Blockade kennt. Neben ihr steht Sara, eine Wäscherin: „Für mich bedeuten die Gilets Jaunes, dass man nun auf einmal die sieht, die unten stehen.

Einige Gilets sind auf das Dach einer Werkhalle geklettert und von dort dröhnt nun laut Tanzmusik. Es ist die Ankündigung des Feierabends und die Gesichter werden entspannt un heiter. Das Gerücht geht um, die Polizei habe nicht genügend Mannschaften, um eine Räumung zu vollziehen. Man bereitet sich nun entspannt auf eine Nacht der Barrikaden vor. Einige Jugendliche ziehen sich die Balaclava über den Kopf, andere suchen drüben am Viadukt Schutz vor der Kälte. Bevor wir aufbrechen nehmen wir noch an der Tankstelle einen Kaffee  zu uns. Dort verkündet der Rundfunk in französischer und englischer Sprache, dass bis auf weiteres alle Warentransporte zwischen Frankreich und Italien gesperrt sind. Die Fernfahrer werden aufgefordert die nächsten Autobahnparkplätze aufzusuchen. Als wir uns von der Blockade verabschieden, tönt drüben von der Werkhalle Narcotic dei Liquido: „So you face is with a smile. There is no need to cry.“

 

Quelle: Infoaut

“Per me il gilet giallo vuol dire che per una volta si guarda a chi sta in basso”: cronaca di un sabato di blocco al traforo del Monte Bianco


 

1. Compagnies Républicaines de Sécurité. (die Revolutionsgarden der frz. Nomenklatura)

2. mit einem Silberlöffel im Mund

 

 

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