Addio 20. Jahrhundert, Addio Bertolucci. Das Begehren ist Revolution

Quelle den Beitrag verfasste Cristina Piccino,

Bernardo Bertolucci ist im Alter von 77 Jahren verstorben, seine Filme haben das Gefühl der Modernität erzählt. Er war der 68er von „The Dreamers„, dem Italien der “ Konformisten “ bis in den Keller von „Ich und Du“,  und er schuf eine Neuerfindung der Welt in der Imagination …

publiziert: 27.11.2018, Il Manifesto, quotidiano comunista

Die Schwierigkeit ist immer bei unerwarteten Nachrichten, wie geht man damit um. Nun, krank war er schon lange. Aber Bernardo Bertolucci machte dennoch seine Projekte, ließ die Türen offen, lebte in seiner Arbeit. Ein neuer Film war in Bearbeitung, den er zu drehen hoffte. Vielleicht fiel er „klein“ aus, wie der vorherige, hervorragende Streifen „Ich und Du“ (2012) …

… aber ebenso beunruhigend und mit einer Energie, die man nicht erwartet. Als ich diesen Film sah, dachte ich, das ist der Film eines Jungen. Ein Junge war er. Aber plötzlich ist er nicht mehr, denn die Zeit läuft, ab.  Darüber zu schreiben, etwas zu sagen, ist im Rückblick das Überdenken aller seiner Filme und seines Lebens, in welches diese Filme in behutsamer Selbstherrlichkeit eingetreten sind, um zum unersetzlichen Lehrer für den Blick zu werden.  

Was hat uns das Kino von Bertolucci beigebracht? Was lehrt es uns und was wird es uns lehren? Das Begehren und die Revolution, die Empfindsamkeit der Kamera und jenes „Man kann nicht ohne Rossellini leben“ (in: Vor der Revolution), es ist fast ein „Man kann nicht ohne Bertolucci leben“, auch wenn er in unserem Kino eine Einmaligkeit geblieben ist.

Und es geht nicht nur um Aufnahmen oder Mise En Szene oder Geschichten. Es ist etwas anderes, es ist viel mehr, etwas sehr anderes, es ist der Raum des Imaginären, die Freude am Filmen, die Entdeckung der Welt und die ihrer Erfindung.

Und es spielt keine Rolle, ob es in einem Keller (Sie und ich) oder in der Verbotenen Stadt des kaiserlichen China zu Beginn des letzten Jahrhunderts (Der letzte Kaiser) geschieht, seine „Mutterszenen“ – um das Buch von Enzo Ungari, der einer der Autoren des letzten Kaisers war – wiederspiegeln eine komplexe Handlung der Realität und ihrer Zeit in einem universellen, freien und kritischen Gefühl, das die Gewissheiten erschüttert, die eigene Angelegenheit hinterfragt, ohne jemals die Zuflucht in eine „Ideologie“ zu nehmen. 

Und jene Fähigkeit, ihre Wurzeln in die Welt zu transportieren, das Kino für eine Weltdimension zu öffnen, wird jenseits der produktiven Umstände weiterhin ihre eigenen Spuren hinterlassen.

Man hatte im klerikalen und heuchlerischen Italien von 1972 „den letzten Tango in Paris buchstäblich auf dem Scheiterhaufen verbrannt und Bertolucci fünf Jahre lang die Bürgerrechte entzogen. Dieser Film war schwer verdaulich, was die Darstellung der Sexualität, die Beziehung zwischen Mann und Frau im Rahmen der Nouvelle-Vague-Vision des sich vereinenden europäischen und amerikanischen Kinos angeht…

Und Jahrzehnte später wurde die Kontroverse mit dem Vorwurf fortgesetzt, Maria Schneider in der „Butter -Szene“ psychologisch verwüstet zu haben. Doch sie, ihr Charakter als Mädchen, das zwei Leben führt, das eine im Inneren und das andere außerhalb dieser Wohnung, steht ihm sehr nahe, vielleicht noch näher als Brando, der Ikone eines amerikanischen Kinos im Gegensatz zu den Geistern der Nouvelle Vague, das Zittern nach jenem Verlangen (wieder und immer wieder) nach Grenzüberschreitungen, die mit der Welt jenseits der Mauern von Passy kollidieren, wo ihre Treffen stattfinden.

Novecento (Das 20, Jahrhundert, 1976) wurde von der KPI – zumindest von der älteren Generation – angegriffen, die den Film als unrealistisch beschuldigte, denn ein Sohn von Bauern konnte nie mit einem Sohn Großgrundbesitzer befreundet sein, wie es zwischen Olmo (Depardieu) und Alfredo (De Niro) geschieht, die beide am 27. Januar 1901, dem Tag von Verdis Tod, geboren wurden.

Jedoch eine Quelle des Films war seine Kindheit auf dem emilianischen Land – Bertolucci wurde 1941 in Parma geboren -, als er als Junge mit den Kindern der Bauern spielte und, wie er sich zu erinnern pflegte, das Wort „kommunistisch“ entdeckte. Er, Bertolucci, nimmt diesen Platz nicht ein, im Gegenteil, er behält das Bewusstsein, bürgerlich zu sein, und das erlaubt ihm, von der Realität in die Utopie der Revolution überzugehen.

Und das Kino. Das ist die politische Substanz seiner Bilder, die für die italienische Kritik der Zeit, die den „Inhalt“ darlegt, unverständlich ist. Aber Bertolucci suchte woanders, reiste in Zeit und Raum, tauchte in das Unbewusste ein, um die Konflikte, das Ich und die Wir zu erfassen.

Es war Pierre Clementi (Protagonist im Film Partner, gemeinsam geschrieben mit Gianni Amico), der 1968 den Pariser Bürgersteig durch die römischen Sanpietrini ersetzte – „Sie warteten auf seine Geschichten“, sagte Bertolucci. Und dann werden die Jungs von The Dreamers, die ebenfalls in einer Wohnung eingeschlossen sind, endlich auf die Straße gehen und verschiedene Positionen in der Konfrontation mit der für immer getrennten Realität wählen – in der Synergie zwischen Bertolucci und dem blonden Michael Pitt. Die Träumer, die wieder das Imaginäre und das Leben in einem Atemzug vereinen.

KINO, Begehren, Revolution. Die Erinnerung an eine flüsternde Nacht am Strand von Sabaudia (wo ihr Haus war) mit der Mutter – unter der prächtigen Mondmelone – und an das Kleinkind das in „Der letzte Kaiser“ an der Brust saugt. Und das Unbewusste ist immer das des Menschlichen, des Landes, der Geschichte. Vom zwanzigsten Jahrhundert bis hin zur Gegenwart.

Nicht zufällig beschreibt Bertolucci eine Familie, die in dem Film „Die Tragödie eines lächerlichen Menschen„, sich mit der Entführung des Sohns beschäftigt, die jedoch wohl nie stattgefunden hat. Er ist der einzige Regisseur der sich 1981 angesichts des „bewaffneten Kampfes“ (der Roten Brigaden, d.Ü.) mit der Orientierungslosigkeit der Politik, und einer Linken auseinandersetzt, dem großen Tabu ihrer Vorstellungswelt. 

Am Anfang war Pasolini (der ihm zum Debüt verhilft, in La commare secca, Die dürre Gevatterin, 1962), ein Bild von ihnen, zeigt beide mit Jacke und Krawatte (die Mode für junge Leute war noch nicht da) Bertolucci lockig und schön. Zu Bertoluccis Geschichten gehörte die ihrer ersten Begegnung, als Pasolini gekommen war, um seinen Vater, den Dichter Attilio, zu Hause zu besuchen, der sich gerade ausruhte.  Bernardo hatte ihn an der Tür etwas abrupt festgehalten. Sein Vater hatte ihm deswegen heftige Vorwürfe gemacht, und von da an begann eine tiefe Verbundenheit, eine Übertragung, wenn auch mit unterschiedlichen Weltanschauungen. „Pier Paolo erzählte die Geschichte der soziologischen und kulturellen Transformation Italiens, von einem bäuerlich geprägten Land zu einem Konsumland. Ich wollte ihm zeigen, dass die Unschuld der Bauern, von der er dachte, dass sie verschwunden sei, noch da sei“, sagte Bertolucci erneut über das Novecento.

UND WEITER? Es gibt neun Oscar-Verleihungen (Der Letzte Kaiser), eine zunehmend internationale Dimension, die nicht nur durch die Arbeit mit Schauspielern aus der ganzen Welt, durch die Leidenschaft und Neugierde, Eleganz und Geschichten, sondern vor allem durch die Liebe zum Kino geprägt ist. Das ist nie Selbstzweck, nie Selbstzweck des Filmemachens, auch wenn es Bertolucci’s Auge gelingt, Eindrücke in jedem Detail zu erfassen, sondern ein Gefühl für die Moderne. Und die Möglichkeit, in ihren verschiedenen Variationen, immer noch überraschen zu können.

übersetzt von FHecker

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

de_DEDeutsch
de_DEDeutsch